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Bäume erzählen von Kultur

Jeder einzelne Baum ist ein Werk der Natur und etwas ganz Besonderes. Doch an der Gestalt vieler Bäume, die im Wald oder auf der Flur vorkommen, hat der Mensch mitgewirkt. Bäume haben auch heute eine große Wichtigkeit für das ehemals überall gegenwärtige land- und forstwirtschaftliche Leben.

In Ranstadt stehen ungewöhnlich aussehende Kopfweiden, die schon von weitem den Verlauf des Laisbachs erkennen lassen. Kopfbäume sind Bäume, die in einer Höhe von ungefähr zwei Metern abgesägt werden, um aus dem Kopf neue dünne Triebe herauswachsen zu lassen. Dabei verdickt sich die Schnittfläche am oberen Ende des Stammes mit jedem „Schneiteln“ weiter zu einem „Kopf“. Am häufigsten werden Weiden geschneitelt, da sie dieses am besten vertragen. Aber auch Pappeln, Hainbuchen oder Eschen können zu Kopfbäumen werden. Da Weiden feuchte Standorte bevorzugen, findet man sie meist an Bach- und Flussläufen. Aus den ungeschälten Weidenästen wurden, meist im Nebenerwerb, Grünkörbe zum Transport oder Zäune gefertigt. Mit Weidenruten wurden auch die Gefache der Fachwerkhäuser ausgefüllt, um sie anschließend mit Lehm zu verputzen. Aus den feineren, geschälten Ästen entstanden Weißkörbe für Wäsche, Brot oder den Einkauf. Die Weidenblätter dienten als Futter für das Vieh.

Da die meisten dieser Nutzungen heute nicht mehr gebraucht werden, sind auch viele Kopfweiden für das bäuerliche Leben überflüssig geworden. Da sie jedoch das Landschaftsbild prägen, Schatten spenden und Lebensraum für viele Tiere sind, bewahrt man sie vielerorts.

  • Kopfweiden am Laisbach bei Ranstadt

  • Niederwald bei Kelkheim-Ruppertshain


Eine andere Form, Bäume wirtschaftlich zu nutzen, war der Niederwald, auch Hauberge genannt. Bei dieser Art der Waldbewirtschaftung wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der gesamte Holzbewuchs einer Waldfläche alle 15 bis 30 Jahre abgeholzt, um ihn beispielsweise als Brennholz zu nutzen.

Die zur Regeneration fähigen Arten wie Hainbuchen und Eichen schlugen an Stümpfen oder Wurzeln wieder aus. Dadurch entstand die typische strauchartige Wuchsform. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es diese Form der Waldbewirtschaftung großflächig. Spuren einer solch historischen Waldnutzung zeigt beispielsweise der Niederwald südlich von Ruppertshain, einem Stadtteil von Kelkheim. Heute wird der ehemalige Niederwald ohne Zutun zum Hochwald oder zum Nadelwald aufgeforstet. 

In Glauburg pflanzte im Jahr 1940 die Volksschule 65 Maulbeerbäume an. Grund war ein Erlass, dass alle Schulen Seidenraupen halten sollten, um Seide für Fallschirme zu produzieren. Diese waren für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg gedacht. Die Schüler ernteten die Blätter der Bäume und fütterten mit ihnen die Raupen. Allerdings reichte die Qualität der Seide für Fallschirme nicht aus. Heute sind die Maulbeerbäume ein Naturdenkmal.

  • Maulbeerbäume bei Glauburg

  • Hainbuche bei Echzell

  • Huteeiche bei Glauburg


Hutebäume
sind sehr große Bäume, die im Zusammenhang mit Beweidung (Hute) entstanden sind. Die Tiere (beispielsweise Kühe) fraßen immer wieder die Triebe ab, so dass der Baum keinen Haupttrieb entwickeln konnte, viele Triebe entwickelte und mehr in die Breite als in die Höhe wuchs. Sehr gut kann man das an der Hainbuche in Echzell sehen. 

Eine andere Variante eines Hutebaums sind Mastbäume, die als Solitärbäume besonders gefördert wurden, um das Vieh (beispielsweise Schweine) mit vielen Früchten (Eicheln, Bucheckern) versorgen zu können.