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Religion in der Kulturlandschaft

Die beiden christlichen Konfessionen prägten die Landschaft früher sehr stark. Die Bauweise der Kirchen beziehungsweise das Vorkommen oder Fehlen von Wegekreuzen und Bildstöcken waren deutliche Zeichen, welcher Religion die Bewohner angehörten. Nicht zuletzt waren Konfessionsgrenzen oft auch Grenzen in den Köpfen der Menschen. Ein Partner einer anderen Konfession war früher undenkbar.
Heute ergibt sich aufgrund der höheren Mobilität der Menschen und wegen Konfessionslosigkeit ein inhomogenes Bild, aber noch 1950 spiegelte die konfessionelle Gliederung Hessens die Ergebnisse von Reformation und Gegenreformation wider. In den großflächigen evangelischen Gebieten Hessen-Darmstadt und Nassau fanden sich Inseln mit überwiegend katholischer Bevölkerung aus Kurmainz (Hochheim, Flörsheim, Höchst, Königstein, Seligenstadt etc.), so dass noch 1950 die Landkreise Offenbach und Main-Taunus-Kreis überwiegend katholisch waren.

In Rodgau-Hainhausen finden wir einen historischen Bildstock. Ein Bildstock ist als religiöses Kleindenkmal ein meist an Wegen stehender Pfeiler, der oft das Abbild des gekreuzigten Jesus oder von Heiligen trägt. Sie wurden als Dank für überstandene Krankheit, Gefahr oder gelungene Wallfahrt gestiftet und dienten als Glaubenshilfe für Menschen in ähnlichen Nöten sowie der persönlichen Andacht, ähnlich wie Wegekreuze oder Kapellen. Dort werden häufig Blumen niedergelegt oder Kerzen entzündet. Bildstöcke wurden mit dem Entstehen einer neuen katholischen Religiosität nach dem Dreißigjährigen Krieg besonders an Konfessionsgrenzen errichtet. Die ältesten heute noch vorhandenen Bildstöcke dieser Region gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück, bis 1950 kennt man noch Neuerrichtungen. Eine Blütezeit gab es im 18. und 19. Jahrhundert.

  • Bildstock bei Rodgau-Hainhausen

  • Bildstock in den Weinbergen bei Hochheim

  • © Jennifer Furchheim

    Steinkreuz im Freilichtmuseum Hessenpark


Im Freilichtmuseum Hessenpark befindet sich an der Kreuzung beim Haus aus Ransbach das Steinkreuz aus Rödermark-Urberach. Es ist aus Sandstein grob gearbeitet. Das Kreuz zeigt auf der Schauseite eine Zimmermannsaxt – eventuell ein Hinweis auf den Beruf des Opfers, denn das Steinkreuz stellt ein Sühnemal für einen Totschlag dar. Nach einem Totschlag wurde zwischen dem Täter und den Hinterbliebenen des Opfers ein Vertrag ausgehandelt, der eine ganze Reihe von Bußen enthielt. Ziel war es, längere Blutfehden zu verhindern. Neben Seelenmessen und Wallfahrten, die vom Mörder gelobt werden mussten, gehörte die Errichtung eines Kreuzes am Tatort zum sogenannten Seelgerät. Wichtiger als Buße und Wiedergutmachung war die Sorge für das Seelenheil des ohne Sakrament plötzlich aus dem Leben Gerissenen. Brauch und Gebot veranlasste die Vorübergehenden, für die arme Seele dort zu beten. Dass es früher drei Kreuze waren, verrät die Flurbezeichnung des ursprünglichen Standorts in Rödermark. Sie lautete »Bei den drei Kreuzen«. Um viele kulturhistorische Landschaftselemente ranken sich Sagen. In diesem Fall sollen drei Zimmerleute in Streit geraten sein und sich gegenseitig erschlagen haben.

Die Bestattungsplätze von Menschen können viel über eine historische Kulturlandschaft und ihre Bewohner erzählen, deshalb befinden sich viele Friedhöfe im Kataster. Beispielsweise der Privatfriedhof am Rettershof auf dem Stadtgebiet von Kelkheim im Taunus. Der Rettershof geht aus einem 1146 gegründeten Prämonstratenserkloster hervor und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Heute gehört er der Stadt Kelkheim und beherbergt auch ein Restaurant und einen modernen Reiterhof; ein Teil der Fläche wird aber auch noch landwirtschaftlich genutzt. Der Friedhof des Rettershofs gehörte der Familie von Richter-Rettershof, liegt im Wald und ist mit Findlingen gestaltet. Von 1944 bis 1990 fanden vier Beerdigungen der Familie statt, danach wurde der Friedhof nicht mehr genutzt.

An den jüdischen Glauben erinnern in unserer Kulturlandschaft – neben wenigen erhaltenen Synagogen – meist nur noch jüdische Friedhöfe. Die ersten jüdischen Friedhöfe in Deutschland wurden schon im 10. Jahrhundert an den großen Flüssen und Verkehrswegen angelegt – in unserer Region ist der älteste jüdische Friedhof in Frankfurt, der älteste Grabstein stammt von 1272. Der Frankfurter Friedhof war damals der Zentralfriedhof für die ganze Region. Das war dem Frankfurter Rat ein Dorn im Auge und man ging dagegen vor, so dass ab 1455 auch andere Friedhöfe (in Butzbach, Friedberg und Windecken) angelegt wurden. 1871 wurde formell die Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung festgelegt, so dass eine Welle von Neugründungen jüdischer Friedhöfe stattfand, vor allem in der Wetterau.

  • Eingangstor am Privatfriedhof des Rettershofes

  • Grabstein auf dem Friedhof des Rettershofes bei Kelkheim

  • © Stadt Langen (Hessen)

    Der jüdische Friedhof in Langen


In den Anfängen der NS-Zeit mussten viele Friedhöfe aufgegeben werden, die Toten wurden teilweise exhumiert, ab 1938 gab es dann Schändungen und Zerstörungen. Direkt nach Kriegsende wurden auf Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht die Friedhöfe wieder hergerichtet, viele alte Grabsteine aber waren unwiederbringlich verloren.

Im Gebiet des Regionalverbandes sind noch 85 jüdische Friedhöfe erhalten, doch meist liegen sie etwas versteckt, da man den Juden früher nur landwirtschaftlich nicht nutzbares, weit abgelegenes, sumpfiges oder steiles Gelände gab. Die Friedhöfe sind von einer Mauer umgeben und müssen abschließbar sein, um Störungen der Totenruhe abzuwehren.

Im Unterschied zu christlichen Friedhöfen werden alte Gräber nicht geräumt, sondern bleiben dauerhaft erhalten. Trauernde legen statt Blumen Steine auf die Grabsteine, die nach Osten ausgerichtet sind. Da der Friedhof die Vergänglichkeit des Menschen symbolisieren soll, lässt man der Natur meist freien Lauf, Gräber sind mit Efeu und Gras überwachsen. Dadurch wirken die Friedhöfe oft „verwunschen“. In Deutschland stehen alle jüdischen Friedhöfe unter Denkmalschutz.

Ein Beispiel ist der jüdische Friedhof in Langen, er besteht seit 1874. Nachdem die Toten der jüdischen Gemeinde jahrelang in Groß-Gerau beigesetzt worden waren, erwarb man ein Grundstück neben dem allgemeinen Friedhof in Langen zur Anlage eines eigenen Friedhofes. Er wurde 1876 bis 1935 belegt. Die NS-Zeit überdauerte der jüdische Friedhof mit seinen 67 Grabsteinen ohne Schändung. Heute ist der jüdische Friedhof von nichtjüdischen Grabflächen umgeben. Er ist nicht frei zugänglich. 1966 wurde am Eingang ein Ehrenmal eingeweiht. Eine Tafel enthält die Namen der beiden jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges, die andere Tafel erinnert an die „heimgegangenen jüdischen Mitbürger" der Stadt Langen.